Gestalteter Titel-Schriftzug
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Alles (P)neu macht der Mai – Frankreich/Spanien 2015

Im Mai 2015 war es geschehen: endlich wieder ein Urlaub von nennenswerter Qualität, hat doch unser Umzug sowohl zeit- wie auch geldmäßig dafür gesorgt, dass 2014 in Sachen Ferien nicht all zu viel zu erwarten war. Den folgenden Bericht erlaube ich (Raphael) mir mal wieder in der ersten Person zu schreiben, da mir das einfach leichter von der Hand geht.

Wie hatten wir uns darauf gefreut, und wie hatten wir geplant, was wir diesmal machen könnten. So sagten uns die eingetragenen GPS-Punkte auf der Landkarten von Adobe Lightroom, dass es noch große Lücken im Südwesten von Europa gibt. Also war Spanien ein Favorit. Und da man durch Frankreich fahren muss, um nach Spanien zu kommen, wurde das gleich mit favorisiert.

Zugegeben, gerade bei Letzterem waren gewisse Vorurteile unsererseits nicht von der Hand zu weisen. Vor allem, wenn es um die Sprache ging. Was hat man nicht alles gehört, die wollen ja nur französisch, obwohl sie auch andere Sprachen sprechen usw.. Nehme ich eines Vorweg: das hat sich alles als unbegründet herausgestellt, und wir können über die Leute, die wir quer durch Frankreich kennengelernt haben, absolut nur Bestes berichten!

Ein Soll bei der Planung war Calp an der spanischen Costa Blanca. Hintergrund dessen war, dass dort meine Eltern seit geschätzt zwei Jahrhunderten regelmäßig Urlaub machen, aber Nicole das noch nicht kannte. Überdies ergab es sich, dass meine Schwester und somit auch unser Patenkind in geplanter Woche ebenfalls dort waren. Was also könnte auf dem Weg liegen, was uns interessieren könnte? Für den Hinweg entschieden wir uns für den Norden von Frankreich. Geplant war ein Aufenthalt in der Normandie, in der Bretagne, nach Nordspanien in die Nähe von San Sebastian, um nach Calp auf dem Rückweg Carcassonne und die Verdonschlucht in den französischen Alpen zu besuchen.

Inhaltsverzeichnis

Die Normandie (Tag 1 bis 3)

Wenige Tage vor der ersehnten Abfahrt bekamen wir von meinen Eltern die Nachricht, dass am zweiten Tag ihres Aufenthaltes in Spanien ihnen jemand vor dem Einkaufzentrum einen Reifen platt gestochen hatte. Hierbei scheint es sich um eine aktuelle Masche zu handeln, um ein bisschen den Kundenstrom an den meist nahegelegenen Tankstellen zu fördern. Na gut, letzten Endes sind sie dann doch in eine Werkstatt gefahren und habe die Reparatur dort erledigen lassen, aber ihr Urlaubsglück sowie unsere Vorfreude bekam durchaus einen kleinen Dämpfer...

Verhältnismäßig früh am Morgen ging es für uns am ersehnten Tag trotzdem aus dem Bett und wenig später rein ins Auto. A67, A6 und erst mal zu McDonald's – so fängt es irgendwie bei uns meistens an. Kalorienreich gestärkt ging es weiter Richtung Saarbrücken, und ein weitere Aufenthalt war erst mal nicht in Planung. In Frankreich angekommen schlugen wir die Richtung Paris ein und hatten mit der nicht vorhandenen Abwechslung auf dieser Straße durchaus unsere Probleme. So änderte sich die Landschaft über geschätzte 150 bis 200 Kilometer kein bisschen, und wir dachten bereits über kollektiven Suizid nach, wären wir für die Durchführung umstandsgemäß nicht zu faul gewesen... Endlich kam der Abzweig Richtung Norden, und es ging mit der Lethargie wieder etwas bergauf. Als wir die Küste erreichten, mussten wir auch über die Pont de Normandie fahren, was durchaus als Erlebnis zu bezeichnen ist – umso mehr, wenn man damit nicht gerechnet hat. Eine gute Stunde später hatten wir unsere Abfahrt erreicht, und unser Navigationssystem machte sich einen Spaß daraus, sich die kleinsten erdenklichen Straßen auszusuchen, um die letzten Kilometer zu bewältigen. Wir glaubten uns in der Tiefsten Provinz, stellten aber später fest, dass wir unsere Unterkunft in Anctoville durchaus auch hätten über breitere Fahrwege erreichen können.

Ein bisschen zu früh schauten wir in der nächstgrößeren Ortschaft Villers-Bocage vorbei und flanierten dort die Straße hoch und runter, auch in der Hoffnung, schon mal vorsichtigerweise eine Lokalität fürs Abendessen zu suchen. Sicher war für uns: das Restaurant am Ortseingang gefällt uns nicht, das wirkt irgendwie schäbig...

Wieder zurück im Bed&Breakfast wurden wir herzlich empfangen und bekamen unser Zimmer gezeigt, dass uns nicht zu wenig in Staunen versetzte. Geräumig, sauber und wunderschön eingerichtet sind nur einige der Adjektive, die uns dazu einfallen. Gleichzeitig bekamen wir Restaurantempfehlungen von der Betreiberin der Unterkunft, und nachdem wir abgelegt hatten, waren wir auch schon wieder auf dem Weg ins Städtchen. Prompt war natürlich das vorher abgelehnte Etablissement am Ortseingang die Hauptempfehlung, und so warfen wir unsere Bedenken über Bord und traten kurz nach sieben ein. Bleibt hier noch anzumerken, dass dies außerhalb der Saison generell die Zeit ist, in denen die französischen Restaurants öffneten, woran wir uns erst mal gewöhnen mussten. Nicht ganz im unteren Preissegment aber noch gut bezahlbar versprach die Speisekarte Köstlichkeiten, für die man in Deutschland eine Hypothek aufnehmen müsste. Und die Karte hielt ihr Versprechen. Im Gegensatz zu unseren Vorstellungen, die besten Bilder aller Zeiten in diesem Urlaub zu machen, war dessen absolutes Highlight diesmal definitiv die kulinarische Seite.

Mont Saint-MichelAm nächsten Tag brachen wir dahin auf, wohin alle aufbrechen, die in der Normandie Urlaub machen: dem Mont Saint-Michel. Eine gute Stunde Fahrt, und wir waren da. Und es hat sich bewahrheitet, was man im allgemeinen liest: der Kenner fotografiert ihn von außen! Denn auch hier – so wie an jedem anderen europäischen Kulturdenkmal – ist es nicht mehr möglich, ein Foto zu machen, ohne dass man einen Chinesen oder Koreaner mit auf dem Bild hat. Im Unterschied zu den letzten Urlauben sind es jetzt aber nicht nur Handys und annähernd besitzergroße Tablets, mit denen die Klientel da fotografiert. Nein, die haben auch zum großen Teil Selfie-Sticks dabei, und man wird sich sehr stark bewusst, was man heute alles tun muss, um sich wirklich noch über etwas schämen zu müssen... Gut, wir waren drin, kauften eine Mütze für Nicole, weil das Wetter jetzt nicht wirklich prickelnd war und gingen wieder raus, den Weg zurück, über das Stauwehr und auf der anderen Seite der Mündung des Couesnon abermals Richtung Meer. Wir waren alleine. Zwei Kilometer von abertausenden Menschen entfernt, und wir waren alleine. Und wir hatten vollkommen freie Sicht auf das beeindruckende Bauwerk. So gingen wir mehr spazieren als dass wir wanderten, genossen die frische Luft, weniger die Temperatur, und machten hin und wieder ein paar Fotos. Wäre es nach mir gegangen, hätten wir noch bis zum Abend die Zeit totgeschlagen, aber es zog uns eher wieder zur Unterkunft zurück.

Innenstadt von BayeuxNach kurzer Siesta suchten wir bei jetzt optimalem Wetter das nahegelegene Bayeux auf. Auseinandergesetzt haben wir uns mit der Kleinstadt zuvor nicht, umso mehr überraschte uns das, was uns dort erwartete: eine zauberhafte Altstadt durchzogen von ach so vielen Kanälen, viele alte Mühlen direkt am Wasser und die beeindruckende hochgotische Kathedrale Notre-Dame de Bayeux. Ja, da hielt man es aus. Zumindest ich, denn Nicole war es auf der Hinfahrt schon nicht wirklich gut, und nach einer daumendick mit Jakobsmuscheln und Kartoffeln belegten Pizza war es an der Zeit, den Rückweg anzutreten.

Nach dem Frühstück am Folgetag war auch schon die Weiterreise angesagt. Bleibt noch zu erwähnen, dass selbiges zwar an sich sehr gut war, die Auswahl im Gegensatz zu den Hauptmahlzeiten aber nicht so ganz unseren Geschmack getroffen hat. Wer Freund von süßem Tagesbeginn ist, ist wohl in Frankreich allgemein bestens aufgehoben. Für uns, die eher deftig frühstücken, war das dann doch eher ungewohnt...

Die Bretagne (Tag 3 bis 6)

Gute drei Stunden später waren wir in Carnac, oberhalb der Halbinsel Quiberon in der Bretagne und natürlich viel zu früh. Es hieß also Zeit totschlagen. Also doch auf das halbe Eiland und in die gleichnamige Stadt. Kaum 50 Meter breit ist die engste Stelle, die hier die Verbindung zum Festland schafft, und so hielten wir auf dem Weg auch das ein oder anderen mal an und verweilten auch mal kurz an den Stränden, wenn es uns gefiel. Quiberon selbst – sowohl die Insel wie auch die Stadt – ist nicht sonderlich groß, aber wir haben es tatsächlich geschafft, so durch die Cité zu fahren, dass wir von dem dortigen Getümmel nichts mitbekamen. An der Südspitze angekommen, wurde ein bisschen an der felsigen Küste gelungert, und die Laune sank hungerbedingt immer mehr. Es war ja auch nichts los, und nichts hatte geöffnet. Quengelig entschieden wir uns zur Rückfahrt, in der Hoffnung, auf eine Bäckerei zu treffen und waren fünf Minuten Später im Stadtkern, der vor Restaurants, Bars, Cafés und Menschen aus allen Nähten zu platzen schien. Selbstverständlich bekam man dort auch überall was zu Essen...

Eine gute dreiviertel Stunde brauchten wir für den Rückweg aufs Festland, da wir zu diesem Zeitpunkt nicht die Einzigen mit dieser Idee waren. Punkt 17 Uhr wurden wir von Ann-Sophie herzlich in unserer Bleibe für die nächsten drei Nächte begrüßt, und sie schaffte es wirklich, dass wir uns augenblicklich wie zu Hause fühlten! Zugegeben, Ann-Sophies Englisch war nicht so gut wie das ihrer Vorgängerin, aber die Unterhaltungen in eben diesem, französisch und irgendetwas dazwischen waren zahlreich und mehr als unterhaltsam. Bleibt natürlich noch herauszufinden, ob wirklich immer jeder das verstanden hat, was auch gesagt wurde... Nach dem Zimmer folgte ein ganzer Pack an Unterlagen zur Umgebungen samt eigens erarbeiteter Liste an Restaurants und Sehenswürdigkeiten. Und auch hier erfreuten wir uns an bestem Essen, auch wenn ich mich persönlich nach wir vor noch nicht so ganz mit Austern anfreunden kann. Hin oder her, ich habe es getan und bin stolz darauf!

Am nächsten Morgen gab es zu unserer großen Freude auch ein wenig tierische Spezialitäten zum Frühstück, und so machten wir uns wohl gelaunt auf, die nähere Umgebung zu erkunden. Zahlreiche Relikte aus längst vergangener Zeit machen Carnac zu einer Hochburg für alle, die sich für keltische Kultur begeistern können. Alleine um die 3000 Menhire sind um das Örtchen zu finden, und man stellt sich automatisch die Frage, wie die Menschen dies vor bis zu 7000 Jahren hinbekommen haben. Dazu gibt es noch einiges an bronzezeitlichen Grabstätten zu besichtigen, und auch einen Tumuli (Hühnengrab) kann man besteigen, um die Aussicht über die Stadt und aufs Meer zu genießen. Selbstverständlich machte auch hier die Christenheit keine Ausnahme, baute auf dem heidnischen Ritualplatz eine Kapelle und meißelte den Menhir darauf kurzerhand zum Kreuz um...

Düne und Blick auf's Meer bei CarnacAuf dem idyllischen Waldweg ging es zurück und nach kurzer Mittagspause erst Essen und dann an die Küste. Es sollten Aufnahmen des Sonnenuntergangs folgen, was uns zwar gelang, aber durch die mehr als steife Brise einiges an Anstrengung kostete. Die Ergebnisse selbst waren mehr Mittelmaß. Man merkte, dass Fotografieren durchaus mit Fahrradfahren vergleichbar ist: Man kann nach langer Pause zwar noch das Gleichgewicht halten, aber irgendwie fehlt die Sicherheit. Anders war es hier nicht. Die Kamera zu bedienen fiel nicht schwer, den richtigen Blickwinkel für den Wow-Effekt zu finden umso mehr... Oder sagen wir es so, zumindest ging es mir so. Denn Sonnenuntergänge waren zuvor eher mein Gebiet, diesmal gefallen mir Nicoles Aufnahmen wesentlich besser, auch wenn ich mit wesentlich schwererer Technik angerückt bin.

Kapelle von Saint-PhilibertAm Folgetag erkundeten wir weiter die Gegend um Carnac, La Trinité-sur-Mer, Saint-Philibert, Locmariaquer und Auray und schauten uns vereinzelte Kapellen (Tipp: die Kapelle Notre-Dame du Flux et du Reflux in Saint-Philibert auch mal von innen betrachten), verwinkelte Städtchen und windgeformte Steilküsten an. Alles in allem kann man sagen, dass die Gegend um Quiberon und den Golfe du Morbihan sowohl landschaftlich als auch kulinarisch und kulturell ein absolutes Highlight ist. Und so schlossen wir den Tag und die Zeit in der Bretagne damit ab, einen dreistelligen Betrag für ein exklusives Abendessen auszugeben und deswegen nicht mal ein schlechtes Gewissen zu haben!

San Sebastian

Die nächsten 700 Kilometer standen an, und so waren wir wie gehabt nach dem Frühstück wieder im gepackten Auto. Nachdem bis dato das Wetter eher durchschnittlich war und unsere Gepäckauswahl wirklich gerade so ausreichte, um nicht zu erfrieren, schauten wir 100 Kilometer vor der spanischen Grenze dann doch mal in den Wetterbericht, was denn die kommenden zwei Tage in Nordspanien bringen würden. Hiermit erklärt sich dann auch, warum die Tagesangabe in der Überschrift fehlt: wir waren nie dort. Bei einer vorausgesagten Regenwahrscheinlichkeit von 100% und angekündigten Temperaturen von 11°C machte für uns die Buchung in einem Bed&Breakfast keinen Sinn. Kurzerhand wurde die Stornierungsgebühr in Kauf genommen, und wir bogen kurz nach der spanischen Grenze Richtung Zaragoza ab, um direkt nach Calp zu fahren. Notfalls könne man ja im Auto oder bei den Eltern oder sonst wo unterkommen, war die Planung, und keiner dachte daran, dass wir letztendlich die insgesamt 1400 Kilometer durchfahren würden...

Costa Blanca (Tag 6 bis 12)

...doch wir haben es trotzdem getan! Die Fahrt an sich war aus optischen Gesichtspunkten ein Genuss. Erst durch die gigantischen Pyrenäen und dann durch das so völlig unterschätzte Inland Spaniens. Wir fuhren durch Gegenden, die man eher in den USA oder in Mexiko vermutet. Wüstengleiche Einöden, fruchtbare Täler, Felsen und Bergkämme aus den unterschiedlichsten Gesteinen und in den unterschiedlichsten Farben – Wahnsinn...! Dann kam Zaragoza, und wir holten uns in einem Einkaufzentrum etwas zu Essen. Und danach kam so ein bisschen die Müdigkeit. Bis dahin waren wir allerdings abermals in einer Landschaft, die in jeden Western gepasst hätte. Und so sahen auch die Rastplätze aus. Eine Tankstelle, ein eher schäbiges Motel, stilecht mit einem verrosteten Coca-Cola-Schild, dass an Ketten befestigt im Wind quietschte. Durchs Bild rollende Steppenläufer waren das Einzige, das der Szenerie zur Perfektion gefehlt hatte. An Schlafen war so in jedem Fall nicht zu denken, und so trat ich mir sprichwörtlich in den Arsch, die letzten 400 Kilometer auch noch zu schaffen.

Es ging zu meiner eigenen Verwunderung dann doch ganz gut, und auch der Nachtportier unseres Hotels war noch bereit, uns zwei Nächte früher als geplant aufzunehmen. Gut gestärkt machten wir uns am Folgemorgen auf den Weg, Eltern, Schwester, Schwager und Patenkind zu besuchen, was dann auch die nächsten Tage unsere Hauptbeschäftigung blieb. Klar sind hier auch einige Fotos entstanden, aber trotzdem war hier der Ort, an dem zum Urlaub auch das Entspannen hinzukam und wir uns fototechnisch auch mal auf das Thema Mensch und vor allem Familie konzentrierten.

Blick auf die Hotels und den Felsen von CalpEs war uns klar, was wir in Calp zu erwarten hatten, und ohne meine Eltern wäre es wohl auch kaum unser Reiseziel gewesen. Denn auch hier bestätigt sich wieder das, was sich auch schon auf LaPalma gezeigt hat: Fingerspitzengefühl haben die Spanier nicht. Oder zumindest nicht die, die für die Bebauung der Küstenlinie verantwortlich sind. So hat man im Laufe der letzten – geschätzt – vierzig Jahre hier und noch schlimmer im benachbarten Benidorm die eigentlich idyllische Küste so brachial mit Beton zu gekleistert, dass es einem bald die Tränen in die Augen treibt. So ist es auch nur an wenigen Stellen möglich, den majestätischen Felsen Peñón de Ifach, das Wahrzeichen Calps, so abzulichten, dass Hotelburgen nicht den Bildeindruck stören. Dass das nicht zwingend sein muss, zeigt unter anderem das benachbarte Moraira, wo es eine Begrenzung der Stockwerkanzahl von Gebäuden gibt. Fährt man allerdings von Calp nur ein paar Minuten ins Hinterland, wird einem umso mehr bewusst, wie schön die Gegend mit ihren schroffen Kalksteinfelsen ist, und man kann traumhafte Ausblicke genießen, wobei die Hotelghettos dann wiederum von der Landschaft zu winzigen Schandfleckchen im Panorama verdrängt werden.

Aufstieg zum historischen Stadtkern von AlteaEbenso täuscht auch hier und da der ersten Eindruck, den man von manch Siedlung hat. So stößt einen beispielsweise Altea – zwischen Calp und Benidorm – im ersten Moment gewaltig ab. Geschuldet ist das der hoch frequentierten Küstenstraße, die mitten durch die Stadt führt. Aber nein, tut sie gar nicht. Denn der eigentliche Mittelpunkt liegt abseits des Meeres hoch über der Straße. So parkt man das Auto, steigt erst mal einige dutzend Meter Treppen hinauf und wird dann belohnt mit alten verwinkelten Gassen, historischen Gebäuden, Ausblick und vor allem: Ruhe – zumindest für spanische Verhältnisse. Im Schatten der Kathedrale La Mare de Déu del Consol genießt man dann den Zauber des autofreien Stadtkerns in einer der zahlreichen einladenden Gaststätten.

Weg zum Castell de GuadalestEbenso ein Muss für alle, die nicht den ganzen Tag am Strand liegen wollen, ist der historische Teil von Guadalest, den man erreicht, fährt man beispielsweise von Altea aus Richtung Landesinnere. Hier wartet die Altstadt samt Burg San Jose auf abenteuerliche Weise auf mehreren Felsnadeln drapiert. Obwohl sehr touristisch erschlossen, hat dieses Örtchen noch einiges von seinem Charme erhalten, und der faszinierende Blick auf den darunter liegenden, leuchtend türkisfarbenen Stausee Presa de Guadalest tut sein Übriges dafür! Empfehlenswert ist hier allerdings eher die wesentlich längere Fahrt über Xaló und Alcanalí durch die Berge, auf der man einen unvergesslichen Eindruck von der Sierra de Bérnia bekommt!

Auch Dank unseres Patenkindes vergingen die Tage an unserem nunmehr einzigen spanischen Ziel wie im Fluge. Ungeachtet unseres urlaubstechnischen Stilbruchs hatten wir trotzdem eine sehr schöne Zeit und danken hier auch nochmal ganz offiziell meinem Eltern für Eure Gastfreundschaft und die wunderbare Zeit mit Euch!!! Wir denken/hoffen, dass das nicht das letzte Mal gewesen sein wird. Auch hier hatten wir im Übrigen – irgendwie scheint das für uns nicht unerheblich zu sein – sehr gut gegessen; wenn auch ganz anders und vor allem wesentlich günstiger als in Frankreich. Aber eine richtige Paella bekommt man eben nur an Spaniens Küste oder gegebenenfalls in Einhausen, aber das gehört hier nicht hin...

Carcassonne (Tag 12 bis 13)

Auf ging es zur vorletzten Station. Immer an der Küste entlang und kurz nach der Grenze in Frankreich links ab. Eine Nacht hatten wir in Carcassonne geplant und uns dafür eine etwas ausgefallene Herberge ausgesucht. Die drei Designerzimmer im Bed&Breakfast der belgischen Betreiberin waren so liebevoll eingerichtet, dass man sich sogleich darin wohlfühlte. Die Räumlichkeiten waren bis ins kleinste Detail konzipiert, und es gab lauter lustige Ideen zu entdecken, die man vielleicht früher oder später zu Hause auch umsetzen könnte. Überdies war die Lage der Unterkunft hervorragend, denn man hatte vom Garten aus einen beeindruckenden Blick über die Weinfelder direkt auf die Cité.

Blick auf die Burg inmitten der Cité de CarcassonneKaum angekommen machten wir uns auch schon auf den Weg durch genannte Felder zur historischen Altstadt. Nur schwer lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen, was man dort an Baukunst und Geschichte zu sehen bekommt. Und hier haben wir am stärksten bemerkt, wie sehr es uns an Übung im Umgang mit der Kamera fehlt. Wohl abertausende von Blickwinkeln galt es zu entdecken, gefunden haben wir nur sehr wenige davon. Und erst bei Anbruch der Dunkelheit zu merken, dass man für Nachtaufnahmen durchaus ein Stativ hätte mitnehmen können, unterstreicht das ganze Debakel geradezu. Nichts desto trotz bleiben ein paar wenige Aufnahmen, von denen wir auch noch weniger eingestellt haben, und die Erinnerung an diesen Aufenthalt. Vielleicht besuchen wir das Ganze auch nochmal, wenn wir wieder etwas vertrauter im Umgang mit dem Gerät sind.

Der nächste Morgen ist verantwortlich für den dämlichen Titel, den wir diesem Reisebericht gegeben haben. Denn oh Schreck, als ich – aus welchem Grund auch immer – vor dem Frühstück noch einmal zum Auto gelaufen bin, stellte ich fest, dass ein Hinterreifen platt war. Als wollte ich es zwanghaft meinen Eltern gleich tun, war es auch hier so, dass der Reifen nicht mehr reparabel war und ausgetauscht werden musste – sein Gegenüber aufgrund der Laufleistung am besten gleich auch. Glück im Unglück war, dass unsere Vermieterin fließend deutsch sprach und uns unterstützte, wo sie nur konnte. So wurde telefoniert und gemacht und getan und zwei Stunden später waren die Räder erneuert. Ich hätte zwar beim Autohändler meines Vertrauens hierzulande gut 200€ weniger bezahlt, aber ich war schon froh, dass es überhaupt geklappt hat.

Verdonschlucht (Tag 13 bis 14)

Mit neuem Gummi starteten wir abermals der Küste folgend Richtung Provence und Richtung Alpen. Lange hatte ich mir Gedanken gemacht, dass wir wohl einmal mehr zu früh sein werden, was sich aber durch die Panne erledigt hatte. Gute fünf Stunden haben wir für die etwa 400 Kilometer gebraucht, da die letzten anderthalb Stunden Fahrt nicht mehr über die Autobahn führten. Unser letztes Domizil war ein einsames Gasthaus inmitten der Berge auf ungefähr 1200 Meter Höhe. In diversen Kommentaren im Internet war bereits zu lesen, wie schlecht die Unterkunft zu erreichen wäre, hat man kein offroad-taugliches Fahrzeug. Allerdings konnten wir diese Aussagen bis auf die letzten 500 Meter nicht nachvollziehen. Klar ging es eine gute halbe Stunde auf einem schmalen – aber asphaltierten – Weg bergauf. Aber außer dass man dort relativ alleine war, war der fahrerische Anspruch jetzt nicht so wahnsinnig hoch.

Schon am Vorabend hatten wir uns via E-Mail mit den Besitzern abgesprochen, dass wir das Angebot, dort auch zu Abend zu essen, annehmen werden, und das hat sich wirklich gelohnt! Das Haus wurde von einem relativ jungen Paar geführt – er redet und sie kocht. Und sie konnte kochen!

südlicher SchwalbenschwanzAm nächsten Morgen war der eigentliche Plan, dass wir tatsächlich mal wandern gehen. Kurzfristig wurde allerdings umstrukturiert, und wir wollten laufend der Zufahrt soweit ins Tal folgen, bis wir mit unsren Handys wieder Empfang hatten. Der Spaziergang dauerte allerdings umso länger, da am Wegesrand die schönsten Schmetterlinge zu finden waren, und wir kehrten nach gut dreieinhalb Stunden und etwa acht gelaufenen Kilometern zurück zum Haus.

Blick von der Roue des Crêtes in die VerdonschluchtDie ursprünglich Planung bestand darin, am letzten Tag schon auf der Heimfahrt die eigentliche Schlucht zu besuchen. Jetzt war es aber gerade mal Mittag, und noch einmal Laufen wollten wir auch nicht. Überdies hatten wir unser eigentliches Ziel, nämlich Handyempfang zu bekommen, kein bisschen erreicht. Wir machten uns also mit dem Auto abermals auf den Weg nach unten und merkten, dass wir gerade mal ein Drittel des Weges zu Fuß zurückgelegt hatten, den wir gebraucht hätten, um telefonieren zu können. Nachdem das erledigt war, haben wir das eigentliche Ziel – die Schlucht – besucht. Uns beiden war klar, dass für eine umfangreiche Erkundung eine ebenso umfangreiche Wanderung nötig gewesen wäre. Lust, Kondition sowie Zeit waren dazu allerdings nicht vorhanden. Dafür bietet man dort mit der Route des Crêtes einen Panoramaweg mit Dutzenden von Aussichtspunkten an, und dieses Angebot haben wir angenommen.

Was sich schon den ganzen Tag über angeschlichen hat, wurde nun in die Tat umgesetzt: wir wollten heim. Kurz hatten wir über Mittag eine kleine Siesta gemacht, und ich fühlte mich fit genug, den Heimweg schon in der Nacht anstatt am nächsten Morgen anzutreten. Mit einiger Verzögerung schafften wir es, dem Vermieter klarzumachen, dass es keineswegs an der Unterkunft oder ihnen lag, sondern ich einfach nur lieber nachts auf leeren als am Tag auf vollen Straßen fahre – was im Übrigen auch der Wahrheit entsprach, denn die Unterkunft war wie alle vorangegangenen ein voller Erfolg!

Heimfahrt und Fazit

Also ging es ab 21 Uhr auf die Straße, und nach gut anderthalb Stunden hatte wir die Autobahn erreicht. Es war mir klar, dass diese nicht durchgängig ist. Dass es aber noch einmal gute 100 Kilometer Landstraße waren, die bis zum endgültigen Erreichen der Schnellstraße erforderlich waren, habe ich so aus der Karte nicht herausgelesen, und so waren das ziemlich die anstrengendsten Kilometer der ganzen Heimfahrt. Überdies musste ich anfangs mein Navi mit aller Gewalt davon überzeugen, dass ich definitiv nicht durch die Schweiz sondern über Lyon fahren wollte, was es erst nach reichlich Überredungskunst kapiert hat. Unser Zeitplan ging allerdings auf, und so luden wir uns kurzerhand bei meinen Eltern, die mittlerweile auch schon zu Hause angekommen waren, zum Frühstück ein, bevor wir selbst in unser trautes Heim traten. So gut geschlafen wie danach habe ich, soweit ich mich erinnern kann, schon ewig nicht mehr...!

Kurz zusammengefasst muss man sagen, wir haben alles richtig gemacht. Die einzelnen Ziele und Unterkünfte haben gepasst. Calp an sich ist für diejenigen, die ähnlich gepolt sind wie wir, vielleicht nicht der optimalste Ort, obwohl man auch hier sagen muss, dass es als Ausgangspunkt für verschiedene Unternehmungen durchaus brauchbar ist. Man hat eine Basis, an der man definitiv nicht verhungern wird, und kann von dort aus zu Erkundungen ins Hinterland aufbrechen. Der Großteil der Costa Blanca – und hier entsprechend die eigentliche Küste – ist für ausgedehnte Shootings von Meer und Natur aufgrund der extremen Urbanisierung sicher keine Konkurrenz zu manch anderem Ort. Aber umso mehr sind hier die Stellen abseits des Wassers empfehlenswert, wo recht ungezähmte Natur, ein gut erschlossenes Wanderwegenetz und darauf der ein oder andere kulinarische Geheimtipp wie das Pinos am Rande der Sierra de Bérnia darauf warten, entdeckt zu werden.

Soweit wir die Normandie – um wieder etwas Reihenfolge ins Fazit zu bringen – einordnen können, sind dort neben dem Mont Saint-Michel und den Steilküsten die Highlights die Innenstädte mit ihren teils gewaltigen Kathedralen, ebenfalls wie so selten das Essen und das kulturelle Denkmal aus dem zweiten Weltkrieg. Wir denken, es empfiehlt sich generell auch in Frankreich, speziell nach Unterkünften abseits des Trubels und der großen Städte zu suchen, um ein wenig von Land und Leuten aktiv mitzubekommen – aber auch das ist gewiss Ansichtssache und wohl auch nicht jedermanns Geschmack. Anzuführen ist dem gegenüber aber natürlich auch der preisliche Vorteil, sucht man sich nicht die „beste“ Lage aus.

Golf von Morbihan bei EbbeWesentlich ältere Kultur findet man in der Bretagne, wo das keltische Erbe im Vordergrund steht und man auch hier und da noch parallel zu Schottland mit der gälischen Sprache konfrontiert wird, auch wenn wir in den knappen drei Tagen abermals niemanden gefunden haben, der diese Sprache noch spricht. Eine wunderschöne und abwechslungsreiche Küste mit Klippen, Steilhängen und Stränden runden das Ganze ab, und die extreme Tide sorgt dafür, dass man den Tag über permanent andere Motive bekommt, ohne sich von der Stelle bewegen zu müssen.

Dass wir in Carcassonne nur eine Übernachtung hatten, reiht sich unserer Meinung nach ebenfalls in die Liste richtiger Entscheidungen, auch wenn wir bis kurz vor unserem Aufenthalt dort an eben dieser noch zweifelten. Bleibt man länger, gibt es in der näheren Umgebung noch einiges an Burgen und alten Klöstern zu besichtigen, und auch ein Ausflug nach Andorra wäre von diesem Ausgangspunkt möglich. Die Cité de Carcassonne ist aber das unangefochtene Highlight dieser Region, und wenn es nach uns geht, genügt ein Tagesausflug, um einen Überblick zu bekommen und die wichtigsten Details kennenzulernen.

Will man entgegen die Verdonschlucht kennenlernen, ist die Zeit, die wird dort verbrachten, zu kurz, denn dafür ist das Naturmonument einfach zu gewaltig. Gleichzeitig lockt die Provence mit vielen weiteren Motiven, wie die zahlreichen Lavendelfelder, die im Juni in leuchtendem Lila blühen, und der intakten Natur mit den vielen Schmetterlingsarten am Alpenrand, die der Kombination aus Hochgebirge und mediterranem Klima geschuldet sind. Auch wer eine Stelle sucht, an der er vollkommen abseits von Lärm und Kommunikation vom stressigen Alltag entspannen möchte, findet hier noch optimale Stellen dafür. Ob man das dann so extrem möchte, bleibt wie so vieles jedem selbst überlassen...

Um uns zu guter Letzt noch einmal zu wiederholen: außer der Reifengeschichte würde wir durchaus noch einmal alles genauso machen!