Gestalteter Titel-Schriftzug
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Ilha das Flores – Açores 2011

Schon Mitte 2010 hatten wir uns für die Insel Flores am westlichsten Ende der Azoren und somit ebenfalls am westlichsten Ende von Europa entschieden. Gegen Herbst hatten wir den Urlaub mit allem drum und dran gebucht und ab da fing die Zeit des Ausharrens an. Zu dieser Zeit hatten wir uns überlegt, unsere Schwerpunkte ein wenig zu erweitern und uns auch ein bisschen um die Fotografie von Landschaften zu kümmern. Was bietet sich da mehr an, als eine Insel ohne große Städte, mit wenig Tourismus und dafür umso mehr Natur in Form von Millionen von Grüntönen, zahlreichen Kraterseen und malerischen Küsten?

Anfang Juni war es dann endlich soweit! Direkt vor der Hauptsaison hatten wir 19 Tage Urlaub gebucht, was bezahlbar war und wo wir nicht mit all zu viel Andrang am Frankfurter Flughafen rechnen mussten. Wir benötigten einen Zwischenstopp mit Übernachtung auf der Hauptinsel São Miguel. In deren Hauptstadt Ponta Delgada bekamen wir noch kurz die Möglichkeit, uns vor der Abgeschiedenheit mit Land und Leuten und der azoreanischen Küche auseinander zu setzen.

Am Frühen Morgen des nächsten Tages ging es per Direktflug mit der Propellermaschine Richtung der gut 500km entfernten Westgruppe. Unterwegs konnten wir aus dem Fenster den Krater von Pico bewundern, der als einziges Anzeichen der Zentralgruppe aus den Wolken ragte.

In der kioskgroßen Ankunftshalle des Flughafens von Santa Cruz das Flores bekamen wir unseren Toyota Aygo, wuchteten unser Gepäck hinein und machten uns auf den Weg zur Aldeia da Cuada, einer Ferienhaussiedlung im ursprünglichen, der Insel eigenen Stil. Nach der obligatorischen Verfahrung, weil wir bis dahin der felsenfesten Ansicht waren, die Insel umrunden zu können, checkten wir dort ein und bezogen unser Häuschen. Bis wir das Gerät im Haus als Luftentfeuchter erkannten, machte uns die allgegenwärtige Nässe durch das wechselhafte und regenreiche Klima zu schaffen.

Verteidigend muss man allerdings hinzufügen, dass uns klar war, was uns an Wetter erwartete. Wo viel grün, da auch viel Wasser... Und wie viel grün es gab, konnten wir schon auf den ersten Fahrten mit offenen Mündern bestaunen. Außer der Straße gab es kaum einen Fleck, der nicht mit Moosen, Gräsern, Sträuchern oder Bäumen bewachsen war. Noch nicht da gewesen, konnten wir uns die zahllosen Nuancen, die Grün haben kann, nicht vorstellen.

Von unserer Unterkunft waren es nur ein paar hundert Meter zum Dörfchen Fajã Grande mit seiner scharfkantigen Küste vulkanischen Ursprungs (Bild rechts). Viele unserer Sonnenuntergangsaufnahmen sind dort entstanden und die Vorstellung, dass hinter dem ganzen Wasser erst wieder etwas kommt, wenn man sich auf dem Boden des nächsten Kontinents befindet, war dort fast greifbar.

In etwa der gleichen Entfernung landeinwärts trafen wir auf den Pfad zu den Wasserfällen Poço da Alagoinha. An dieser Stelle sei erwähnt, dass man die Warnungen der Reiseführer bezüglich glatter Wege bei feuchter Witterung einst nehmen sollte. Nachdem der leichte Aufstieg mit ein wenig Ausrüstung noch machbar war, entwickelte sich der Rückweg zu einem nicht ungefährlichen Unterfangen, da jeder Tritt die Gefahr des Ausrutschens barg. Leider hatte das Wetter es an diesem Tag auch nicht ganz so gut mit uns gemeint, so dass wir das mehr als imposante Naturschauspiel leider nur mit bedecktem Himmel ablichten konnten.

Wesentlich einfacher war da der Poço de Bacalhau zu erreichen; ein Teich, der sich nördlich von Fajã Grande befindet und von zwar nur einem, aber nicht minder faszinierenden Wasserfall gespeist wird. Nicole hat es auch geschafft, die kompletten acht Meter Durchmesser zu durchschwimmen, während sich Raphael damit begnügt hat, die Kaskade ins rechte Licht zu rücken.

Alle paar hundert Meter fallen an dieser Küste Wassermassen von der Hochebene, doch war kein Platz so leicht zu erreichen, wie dieser Teich und für eine umfangreichere Wanderung war unsere Ausrüstung nicht zwingend geeignet - was natürlich aber auch ein Vorwand sein könnte, das Eiland in ein paar Jahren noch einmal aufzusuchen.

Die heißen Quellen Aqua Quentes haben wir nicht gefunden, sie sind laut Aussagen um die Zeit, als wir sie besuchen wollten, Opfer der Tide geworden. Aber auch ohne sie gesehen zu haben, war der Weg dorthin Ziel genug. Dieser sei ausdrücklich nur schwindelfreien und trittsicheren Läufern empfohlen, die sich auch nicht zu schade sind, mal hier und da ein paar Meter durchs Dickicht zurückzulegen.

Ebenso war der Weg zum einzigen Strand Fajã da Lopo Vaz zumindest für uns Ausdauerbeschränkte ein abenteuerlicher Kraftakt, der allerdings dann mit einem verhältnismäßig großen und menschenleeren Kiesstrand entlohnt hat, an dem wir uns entspannt und auf den kräftezehrenden Wiederaufstieg vorbereitet haben. Der Weg ist allerdings um Klassen besser ausgebaut als der vorweg beschriebene, so dass unserer Meinung nach ein bisschen Kondition die einzige Voraussetzung für das Begehen ist. Unterwegs trafen wir mehrmals auf eine Familie ausgebüxter Schafe, die eine lustige Ablenkung auf dem Trip darstellte (Bild links). Ein Weiterkommen war nur Nicoles intensiven Verhandlungen mit dem misstrauischen Viehzeug zu Verdanken.

Ein Ausflug ins "Geisterdorf" Caldeira hat uns ebenso sehr gefallen. Zwar waren es nicht die seit gut zwanzig Jahren verlassenen Häuser, die hier faszinierten, sondern vielmehr die dort offensichtliche Energie, mit der sich die Natur ihr Refugium zurückerobert, wenn sie niemand daran hindert (Bild rechts).

Auf der Insel spürt man trotz aller Abgeschiedenheit, dass man sehr bestrebt ist, eine touristische Infrastruktur aufzubauen. Nachdem der Walfang wohl in den 80er Jahren allerorts endgültig eingestellt worden ist, brauchen die Menschen dort etwas, womit zukünftig der Lebensunterhalt verdient werden kann. Die Hauptstraßen sind sehr gut befahrbar und oft trifft man auf gut ausgeschilderte Aussichtspunkte, die den Blick auf herrliche Panoramen freigeben. Der schönste dieser Punkte war unserer Meinung nach der Miradouro Craveiro Lopes, der sich direkt an der Straße befindet, die die Ost und die Westküste miteinander verbindet. Wenn dieser nicht von tiefhängenden Wolken unbrauchbar gemacht wird, bekommt man einen atemberaubenden Ausblick auf das Tal um Fajã Grande.

Das wechselhafte Wetter hatte durchaus auch seine positiven Seiten: Lag die Ostseite in Nebel und Regen, konnten wir stets davon ausgehen, dass wir im Westen der Insel freie Sicht und trockenes Wetter hatten. So waren wir zwar oft gezwungen, unseren Kleinstwagen über das Hochplateau zu quälen, dafür kamen wir umso mehr rum und sollten in den gut zwei Wochen wahrscheinlich alles einmal besucht haben.

Wenn man wie wir gerne auch mit dem Auto erkundet, sollte man ein besonderes Augenmerk auf die Passstraßen im Südosten legen. Diese bieten - wie wir fanden - die schönsten Ausblicke. Die achteinhalb Kraterseen, die es zu bewundern gibt, sind ein Muss. Jeder einzelne bietet seinen ganz besonderen Reiz und vor allem der Aussichtspunkt zwischen den Seen Lagoa Funda und Lagoa Rasa bietet durch die mehr als 100 Meter Höhenunterschied beider Gewässer zur Linken und Rechten eine ganz außergewöhnliche und unwirkliche Atmosphäre, ebenso Lagoa Funda (kein Schreibfehler, es gibt wirklich zwei Lagoas desselben Namens) und Lagoa Comprida, die ebenfalls in direkter Nachbarschaft liegen, aber durch die sehr unterschiedliche Tiefe - Lagoa Comprida ist über 100 Meter tief - extrem verschieden gefärbt sind (Bild unten).

Wem der Mietwagen nicht zu schade ist, kann bei halbwegs klarer Sicht auch auf den 914m hohen Morro Alto fahren. Der Gipfel selbst ist zwar antennenmastenverseucht und nicht sehr ansprechend, die Aussicht und die frische Brise sind aber sehr empfehlenswert. Der Schotterweg (zumindest war's 2011 noch einer) führt auf der anderen Seite bis hinunter an die Nordküste, was bis dahin noch auf keiner Karte verzeichnet war. Stets zu beachten sind die Abertausende von Hasen, die alle paar Sekunden den Weg kreuzen. Wir können mit Stolz behaupten, in unserem Urlaub tatsächlich keinen einzigen überfahren zu haben!

Die Hauptstadt Santa Cruz das Flores (Bild links; Kirche Igreja Matriz da Nossa Senhora da Conceição) nutzten wir größtenteils für unsere Einkäufe und den täglichen Cappuccino. Wobei man auf Flores zwischen Milchkaffee und Cappuccino in etwas ungewohnter Art und Weise unterscheidet: Während erstgenannter durchaus aus Kaffee und Milchschaum besteht und wie Latte Macchiato schmeckt, wird der Cappu stets mit einer Fertigmischung angerührt...

Kulinarisch hat die Insel an Zutaten einiges zu bieten. Was die Küche daraus macht, ist für unsere hackfleischverwöhnten Gaumen teilweise etwas fragwürdig. Nach dem ein oder anderen Restaurantgang, der uns zwar satt, aber nur leidlich zufrieden gemacht hat, suchten wir uns am vierten Abend das Restaurant Casa Do Rei in der Nähe von Lajes das Flores aus.

Entgegen der Ankündigung unseres Reiseführers waren allerdings nicht mehr das schweizerisch/belgische Ehepaar die Bewirtenden, sondern zwei Sachsen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Speisevielfalt der Insel auch gebührend herzurichten. Und - Schande über unsere Häupter - bis auf den einen Ruhetag sind wir nirgends mehr sonst hingegangen. Nach zwei Besuchen war die Speisekarte passé und man beriet am Vortag, welchen Fisch man denn morgen essen wolle. So hat man sich von Haifisch über Rochen und Barrakuda so lange satt gegessen, bis wir am letzten Tag mit einem einheimischen butterzarten Kalbssteak wieder für die Rückreise geerdet wurden.

Als Fazit dieses Urlaubes können wir sagen, dass wir die Insel Flores jederzeit wieder besuchen würden. Als Unterkunft würden wir wohl ein Hotel vorziehen, weil die Cuada uns ein bisschen teuer für ihre Leistung vorkam. Lapas werden wir auch nicht mehr probieren. Die schmecken zwar interessant, aber auch ziemlich seltsam... Auf den Burger-King-Besuch, während der Rückreise über São Miguel, würden wir entgegen dem zur vollständigen Wiedereingliederung in die Zivilisation garantiert abermals nicht verzichten! Und wir würden die Sachen nachholen, die wir 2011 verpasst haben: Bootsausflüge in die Grotten und an der Küste entlang, genauso wie ein solcher zur Nachbarinsel Corvo. Dieser war uns zwar angeboten worden, hat aber dann leider wohl wetterbedingt nicht stattfinden können. Auch die ein oder andere Wanderung steht sicher noch aus, die uns faszinierende Ein- und Ausblicke bringen könnte.

Abgesehen davon gehen wir davon aus, die ein oder andere Aufnahme sicherlich noch besser umsetzen zu können, als dies in diesem Urlaub der Fall war. So hatten wir schon drei Monate später auf Fehmarn gemerkt, dass wir dort Bilder gemacht haben, die uns technisch besser gefallen haben. Fast muss man sagen, Gott sei Dank! Es wäre schade, dort nicht mehr hin zu müssen...!